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Adems Baba bringt ihn in Verlegenheit    
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Adems Baba bringt ihn in Verlegenheit

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Adems Baba bringt ihn in Verlegenheit

Eine türkische Geschichte

 

 

 

 

 

 

*

Irgendwo unter den Wolken gibt es eine Insel, die das Vereinigte Königreich genannt wird. Im Süden dieser Insel gibt es eine Stadt namens London. Im Süden dieser Stadt gibt es ein kleines Dorf. Und in diesem Dorf lebt ein elf Jahre alter Junge namens Adem.

Nein, nein. Sein Name ist nicht Adam. Sein Name ist „Adem“. Genau, vor dem letzten Buchstaben „m“ steht kein „a“, sondern ein „e“. Adem ist ein türkischer Name. Sowohl Adam als auch Adem bedeuten „der erste Mann auf der Welt“.

Adem ist ein neugieriger Junge, der gerne liest. Er liest alle möglichen Bücher mit Geschichten. Außerdem liest er das Guinness-Buch der Rekorde. Das ist sein Lieblingsbuch.

Der Junge redet gern über die Dinge, von denen er in seinem Buch der Rekorde liest. Wenn Adem jetzt hier wäre, würde er bestimmt schon über Sultan Kösen aus der Türkei sprechen, der 2,51 m groß ist. Sultan Kösen ist der größte lebende Mann im Guinness-Buch der Rekorde!

Schau! Hier kommt Adem mit seinen zwei besten Freunden Ben und Jonathan aus der Schule. Adem ist der mit den dunklen Haaren, der braunen Haut und den schönen blauen Augen. Du erkennst ihn ganz leicht, weil Ben und Jonathan beide blond und hellhäutig sind.

Adems Vater kommt aus der Türkei und seine Mutter aus England. Sein Aussehen hat er von seinem Vater, aber seine Augen haben dieselbe Farbe wie die seiner Mutter.

Adem hört, wie jemand „Merhaba“ sagt. Er dreht sich um und winkt seinem türkischen Freund Metin zu. Dann antwortet Adem und sagt ebenfalls: „Merhaba!“ Das bedeutet 'Hallo' auf Türkisch. Das erste türkische Wort, das Adem je gelernt hat, ist „Baba“. Das bedeutet Papa.

Eines Tages, als Adem noch klein war, fragte er seinen Baba: „Bin ich Engländer oder Türke, oder bin ich von jedem die Hälfte?“

Sein Baba dachte einen Moment lang über diese Frage nach und antwortete dann: „Du bist überhaupt nichts Halbes, mein Sohn. Du bist ein ganzer Türke und ein ganzer Engländer.“

Adem gefiel diese Antwort sehr.

Später irgendwann ließ sich Adem im Fasching eine englische Flagge auf sein Gesicht malen. Als sein Baba Adems Gesicht sah, war er wirklich ziemlich geschockt, aber Adem sagte: „Das ist in Ordnung, Baba. Weißt du noch, ich bin ein ganzer Engländer und ein ganzer Türke.“

Adem gibt Ben und Jonathan ein High Five und kommt dann auf uns zu und geht neben uns den Bürgersteig entlang. Er lächelt uns zu.

„Habt ihr gewusst, dass im Juni 2003 ein türkischer Mann namens Muhammed Rashid ins Guinness-Buch der Rekorde gekommen ist, weil sein Schnauzbart über eineinhalb Meter lang war? Das ist ein sehr langer Schnauzbart“, sagt Adem, und sein Lächeln wird noch breiter. „Mein Baba hat auch einen großen Schnauzbart. Und buschige Augenbrauen. Aber sein Schnauzbart ist nicht eineinhalb Meter lang, Allah sei Dank!“

Adem sagt „Allah“ statt „Gott“, weil Adem ein muslimischer Junge ist. Adem bemerkt einen Mann auf der Straße, der eine dunkelblaue Kippah aus Samt trägt. „Eine Kippah ist ein jüdischer Hut“, sagt Adem, nur zu unserer Information. Dann bemerkt der Junge einen Sikh, der einen traditionellen Turban trägt. Adem liebt es, so viele unterschiedliche Kulturen auf derselben Straße zu treffen.

„Mein Baba hat ein Restaurant“, erzählt uns Adem. Er schaut uns mit seinen ernsten Augen direkt an, als würde er uns etwas sehr Wichtiges beibringen. „Das ist kein Kebabladen. Im Restaurant von meinem Baba machen sie Gemüseeintopf und servieren ihn mit einem speziellen Brot, das Pide heißt. Das ist richtig lecker.“

Adems Baba hat ein Lieblingsessen. Es heißt Okraschoten. Okraschoten sind ein Gemüse, das ein wenig nach Essiggurke schmeckt. Adems Papa gibt Zitrone auf die Okraschoten, weil er sagt, dass das Gemüse dann besonders gut schmeckt!

„Ich mag Kebab echt gern“, erzählt uns Adem. „Ich weiß, dass es nicht sehr gesund ist, aber es schmeckt so gut.“

Plötzlich scheint sich der Junge etwas unbehaglich zu fühlen, als wollte er uns etwas sagen. Er scheint sich zu konzentrieren, sich die Worte zurechtzulegen.

„Jeden Donnerstag“, sagt er nach einem Moment des Schweigens, „kommt mich mein Baba abholen. Ich mag Donnerstage nicht mehr. Etwas an meinem Baba ist mir peinlich. Ich möchte mit ihm darüber reden, aber ich liebe ihn und will seine Gefühle nicht verletzen. Mit seinen Eltern zu sprechen, ist nicht immer einfach, wisst ihr.

Letzten Samstag zum Beispiel habe ich mir nach dem Schwimmen einen total leckeren Schokokuchen gekauft, und mein Freund Ben und mein Baba waren mit mir in dem Café. Als ich meinen Kuchen gegessen habe, flüsterte mir Baba ins Ohr, dass ich meinem Freund Ben etwas von meinem Kuchen abgeben muss. Baba sagte, dass das in der türkischen Kultur so Brauch ist. Ich habe ewig gebraucht, um zurückzuflüstern und ihm zu erklären, dass es in der englischen Kultur unhöflich ist, meinem Freund einen halb gegessenen Kuchen anzubieten, weil ich weiß, dass er Geld dabei hat. Und wenn er Kuchen wollte, dann würde er sich selbst einen kaufen.“

Adem erklärt uns, dass sein Baba schon sehr lange in England lebt, aber immer noch nicht viele englische Freunde hat. Der Junge sagt, dass es ihm so vorkommt, als würde sein Vater immer noch so leben, wie er in der Türkei gelebt hat. „Das ist in Ordnung“, sagt Adem, „aber manchmal fällt es mir schwer, einige der türkischen Traditionen zu verstehen, und es gibt so viele, an die man sich erinnern muss.“

*

Adem ist beinahe an dem Treffpunkt angekommen, an dem er nach der Schule auf seinen Baba warten soll.

Heute ist Donnerstag.

Er wirkt ein bisschen nervös, als er die Straße mit den Augen absucht. „Ich habe versucht, etwas gegen diese Peinlichkeit zu tun“, erklärt er uns ernst, „aber das hat bis jetzt nicht funktioniert. Ich weiß nicht, wie ich mit meinem Baba darüber reden soll, wie er sich benimmt, wenn wir mit meinen Freunden zusammen sind.“

Adem bleibt an der Ecke stehen. Er sieht immer noch ein bisschen nervös aus. „Hier holt mich mein Baba ab“, sagt er.

An der Ecke stehen jede Menge Kinder von Adems Schule herum: Einige warten darauf, von ihren Eltern abgeholt zu werden, einige sind auf dem Weg zum Bus oder gehen zu zweit nach Hause. Adem tut so, als würde er sein Buch lesen. Er möchte nicht, dass einer seiner Freunde in der Nähe ist, wenn ihn sein Baba abholt.
Da bemerkt Adem Emily. Emily ist schön. Sie hat blonde Haare und blaue Augen, und Adem hat sie schon gemocht, als sie beide in der fünften Klasse waren.

Eines Tages teilte Adems Geschichtslehrer alle Kinder paarweise für ein Schulprojekt ein. Adem sollte mit Emily zusammenarbeiten. Die Kinder mussten eine Motte bauen. Die beste Burg sollte einen Preis gewinnen. Also verbrachten Adem und Emily viel Zeit miteinander und arbeiteten wirklich hart an ihrer Burg. Und als der Tag der Entscheidung kam, GEWANNEN SIE! Und da fing Adem an, für Emily zu schwärmen, weil sie ihn umarmte. Seither wird Adem jedes Mal ganz warm ums Herz, wenn er Emily sieht.

Emily nähert sich der Ecke, an der Adem auf Baba wartet. Plötzlich scheint sich Adem sehr unwohl zu fühlen.

„Oh nein! Da kommt der Jeep von meinem Baba um die Ecke. Baba kommt! Emily kommt! Baba kommt! Emily kommt!“

Schnell geht Adem in die Hocke und tut so, als würde er seine Schnürsenkel binden, während er versucht, sich vor seinem Baba und vor Emily zu verstecken. Aber es hat keinen Sinn, der Junge weiß, dass sein Baba ihn entdeckt hat. Der Jeep bleibt am Straßenrand stehen, und Adems Baba steigt aus. In der Zwischenzeit kommt Emily immer näher, und jetzt sieht sie Adem und seinen Baba zusammen neben dem Jeep.

Adems Baba lächelt. „Ist alles in Ordnung, mein Großer?“

Jetzt steht Adem auf, und sein Baba packt ihn und gibt ihm eine riesige Umarmung und einen Kuss.

„Na los, Adem“, sagt sein Baba fröhlich, „bekomme ich keinen Kuss?“

Adem schaut sich um, küsst seinen Vater dann schnell auf die Wange und springt in den Jeep, bevor Emily noch näher kommt und ihn auslacht, weil er seinen Vater küsst und umarmt, obwohl er schon groß ist und sich erwachsener benehmen sollte.

Ein paar Minuten lang sprechen Vater und Sohn nicht miteinander, während sie durch die belebten Straßen nach Hause fahren.

Baba schaut Adem an und fragt noch einmal: „Bist du in Ordnung, mein Sohn?“

„Ja“, sagt Adem, aber er klingt nicht sehr überzeugend.

Adems Baba weiß, dass sein Sohn nicht glücklich ist, weil er ihn sehr gut kennt und sie sich sehr nahe stehen.„Jetzt komm schon“, sagt er, „warum sagst du mir nicht, was nicht stimmt?“

Adem denkt eine Weile nach. Er weiß, was er sagen will, aber er will die Gefühle seines Babas nicht verletzen. Schließlich nimmt der Junge all seinen Mut zusammen und sagt, was er denkt.

„Baba, ich muss dir etwas sagen, etwas, das mich stört. Es gibt eine Person, die mich stört. Und diese Person...“ Adem stockt kurz, unsicher, wie er weitermachen soll.

„Jemand hat dich geärgert! Sag mir, wer es ist“, sagt Baba zu seinem Sohn.

„Nun ja, es...“

„Ja... Jetzt sag schon!“

„Nun ja...“

„Ist es jemand in der Schule, ein Lehrer, ein Freund, war jemand gemein zu dir?“, fragt Baba, der sich offensichtlich Sorgen um seinen Sohn macht.

„Nein, Baba.“

„Wer dann?“

Es gibt eine weitere lange Stille, während Baba den Jeep durchs Dorf nach Hause lenkt.

Adem holt tief Luft und sagt dann: „Du bist es, Baba. Du störst mich.“

„Ich?“, fragt sein Baba. „Was habe ich getan, mein Sohn?“

Adem sagt nichts, also hält Baba den Jeep am Straßenrand an und macht den Motor aus, damit er sich richtig mit seinem Sohn unterhalten kann. „Sag mir, was ich getan habe, Adem.“

Adem schaut seinen Baba an, die großen buschigen Augenbrauen und die Falten auf seiner Stirn, die ihn aussehen lassen, als wäre er wütend. Adem weiß, dass sein Vater nicht wütend ist, sondern verletzt. Er fühlt sich schlecht, weil er seinen Baba traurig gemacht hat, aber er nimmt all seinen Mut zusammen und versucht zu erklären, was er meint.

„Du weißt, dass ich jetzt elf bin“, sagt er seinem Baba, „und dass ich schon sehr erwachsen bin.“

„Ja, das bist du“, sagt sein Baba mit Stolz in seiner Stimme.

„Weißt du, es war in Ordnung, mich vor meinen Freunden zu umarmen und zu küssen, als ich noch in der Grundschule war, aber ich möchte nicht mehr, dass du das vor meinen Freunden machst.“

„Du willst also nicht mehr, dass ich dich küsse und umarme, ist es das?“

„Nein, nein, Baba. Ich mag es, wenn du mich umarmst, aber ich will nicht, dass du mich vor meinen Freunden küsst und umarmst, weil ich dafür jetzt zu alt bin und sie mich auslachen werden.“

„Das ist wahrscheinlich eine sehr türkische Sache, nehme ich an“, gibt sein Baba zu, als er den Jeep anlässt und durch den Abendverkehr steuert. Er sieht ein bisschen traurig aus, und Adem will ihn aufmuntern.

„Baba?“

„Ja, mein Sohn?“

„Soll ich für dich und Mama eine Tasse Tee machen, wenn wir zu Hause sind?“

Baba lächelt seinen geliebten Sohn an. „Das wäre wunderbar, Adem. Aber bitte gib keine Milch in meinen Tee. Du weißt, dass ich ihn schwarz mag. So trinkt man Tee in der Türkei, und die türkische Art ist für mich die beste.“ Sein Baba zwinkert Adem zu, während er das sagt.

Adem lächelt, weil er weiß, dass sein Baba versteht, warum es ihm peinlich war, und er weiß auch, dass sein Baba ihn sehr lieb hat.

„Können wir heute Abend ein Spiel spielen?“, fragt Adem, als der Jeep um die letzten Kurven vor ihrem Zuhause fährt.

Baba sieht nicht mehr verletzt aus. Er zerzaust Adems Haare und droht seinem Sohn mit dem Zeigefinger. „Wir können heute Abend etwas spielen, wenn du nicht wieder mogelst wie gestern.“

„Ich habe nicht gemogelt“, lacht Adem. „Doch, hast du.“

Darüber müssen Baba und Adem beide lachen, und sie unterhalten sich weiter über Adems Tag in der Schule, über all die Dinge, die er gemacht hat, und all die Fakten, die er sich aus seinem Guinness-Buch der Rekorde gemerkt hat.

Und das war das letzte Mal, dass Baba Adem vor seinen Freunden in Verlegenheit gebracht hat.

Aber immer wenn sie zu Hause zusammen spielen, nimmt Baba seinen Sohn oft in seine riesigen Arme und neckt ihn damit, dass er nie zu groß für eine Umarmung sein wird.

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