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Nicht Allein

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Nicht Allein

Eine Geschichte von den Philippinen

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*

Als Dalisay gerade mal acht Jahre alt war, eröffnete ihre Mutter ihr, dass sie ihre Heimat verlassen und nach England ziehen würden. „Dein Vater muss Arbeit finden, damit wir deinen Großeltern und deiner Tante Geld schicken können, um sie zu unterstützen,“ erklärte Dalisays Mutter.

Das junge Mädchen wollte ihr Zuhause in Manila, einer sehr großen Stadt auf den Philippinen, aber nicht verlassen. Es stimmte sie sehr traurig, als ihre Mutter ihr diese Neuigkeiten erzählte.

„Aber was ist mit all meinen Freunden?“ fragte Dalisay. „Ich kenne niemanden in England und werde bestimmt mutterseelenallein sein.“

Ihre Mutter versicherte Dalisay, dass es ein aufregendes Abenteuer für sie drei werden würde und dass Dalisay viele neue Freunde treffen würde, wenn sie erst einmal in England zur Schule ginge. Die netten Worte ihrer Mutter konnten Dalisay aber nicht überzeugen. Sie mochte ihr Zuhause, und sie ging gern zur Schule, wo sie alle Lehrer kannte und bereits viele Freunde hatte. „Ich verstehe nicht, warum wir nach England ziehen müssen,“ dachte Dalisay in der Nacht vor der Abreise.

„Ich weiß gar nichts über England. Ich spreche kaum Englisch und werde mutterseelenallein sein!“

Diese letzte Erkenntnis machte das junge Mädchen noch trauriger, und sie wünschte sich von ganzem Herzen, dass sie bei ihrer Tante oder ihren Großeltern in Manila bleiben könnte.

Die Reise war unendlich lang, und Dalisay war einfach überwältigt von dem großen Flugzeug und all den Leuten, die auf dem Flughafen herumliefen.

Als die Familie endlich in England ankam, erschien alles so seltsam, und sie war sich sicher, dass alle sie anstarrten. Die Gebäude in der Stadt Birmingham waren riesig und grau, und Dalisay fühlte sich dort überhaupt nicht heimisch.

Im ersten Monat, der im Nu verging, fand die Familie ein geeignetes Haus. Dalisays Vater machte sich auf Arbeitssuche, um Geld an den Rest der Familie auf den Philippinen schicken zu können.

Das junge Mädchen war furchtbar einsam, und obwohl ihre Mutter Spiele mit ihr spielte und sie zusammen Entdeckungsreisen unternahmen, vermisste Dalisay ihre Freunde ganz schrecklich, und sie fühlte sich in der neuen Stadt einfach mutterseelenallein. Nachts weinte sie sich in den Schlaf, und sie träumte oft, dass ihr Vater sie am nächsten Tag wecken und ihr sagen würde, dass sie nach Hause zurückkehren würden. Doch jeden Morgen beim Aufwachen fiel Dalisay wieder ein, dass sie vielleicht niemals mehr nach Hause zurückkehren würde.

Als sie eines Morgens ihr komisches Frühstück aus Getreideflocken und Milch aß, so ganz anders als ihr übliches Frühstück Sinangag, das aus Reis und leckeren Eiern bestand, erfuhr Dalisay, dass die Schule nun beginnen würde. „Es wird so schön für dich sein, aus dem Haus zu kommen und neue Freunde kennenzulernen,“ sagte ihre Mutter.

Aber Dalisay war davon absolut nicht begeistert. Sie vermisste ihre Freunde zu Hause, und obwohl sie wohl gern öfter aus dem Haus kommen wollte, hatte sie doch Angst vor der Schule, denn sie kannte dort ja keine Menschenseele. Dalisay hatte unterwegs viele Kinder gesehen, als sie und ihre Mutter Birmingham erkundeten, aber keines hatte mit ihr gesprochen. Außerdem sprach sie ja nicht viel Englisch, und sie war sich sicher, dass es deswegen in der Schule schwierig werden würde.

Als es Morgen wurde, gab Dalisay vor, dass sie Fieber hätte und zu krank für die Schule sei. Aber ihre Mutter wusste immer genau, wann Dalisay etwas vortäuschte, und so musste sie sich anziehen und frühstücken.

Dalisay und ihre Mutter gingen Hand in Hand bis zum Schultor, wo sie von einer Lehrerin namens Frau Murry empfangen wurden. Die Lehrerin war sehr freundlich und hieß Dalisay in der Schule willkommen. Sie erklärte Dalisays Mutter, dass sie ihre Tochter um drei Uhr wieder abholen könne.

Der Vormittag rauschte im Nu an ihr vorbei, während Dalisay mehr neuen Lehrern und vielen, vielen Kindern vorgestellt wurde, die sie alle anlächelten und hallo sagten. Dalisay verstand nicht viel von dem, was man ihr sagte, aber man erklärte ihr, dass sie am Nachmittag zusammen mit anderen Kindern, die aus aller Herren Länder nach England gezogen waren, in eine Sonderklasse gehen würde.

Als Dalisay dann am Nachmittag beim Klassenzimmer ankam, klopfte sie an die Tür und ging hinein. Sie war sehr nervös und auch sehr müde nach so einem langen Tag, an dem sie so vielen Fremden begegnete. Doch als sie hereinkam, wurde sie von Frau Mahmood, die aus Pakistan kam, mit einem strahlenden Lächeln begrüßt. „Komm rein, Dalisay,“ sagte die nette Lehrerin, „heute lesen wir ein Buch mit dem Titel ‚Der gestiefelte Kater,‘ und später werden wir ein paar Spiele spielen und auch malen.“

Das junge Mädchen bemerkte, dass alle Kinder im Klassenzimmer sehr unterschiedlich aussahen. Es gab dort einen Jungen aus Simbabwe und zwei Mädchen aus Polen. Ein etwas älteres Mädchen kam aus Albanien und ein Junge, der noch jünger war als Dalisay, sagte, er komme aus dem Iran. Und zu ihrer großen Überraschung saß weiter hinten im Klassenzimmer ein junges Mädchen namens Luningning, ebenfalls aus den Philippinen, mit einem Exemplar von Der gestiefelte Kater in den Händen! „Komm rüber und setz dich neben mich!“ rief Luningning, die genauso überrascht war wie Dalisay.

Die beiden Mädchen freundeten sich sofort an. Luningning erklärte ihr die Geschichte vom gestiefelten Kater und wie Frau Mahmood, die beste Lehrerin der ganzen Welt, ihnen beibrachte, ihr Englisch zu verbessern.

An diesem Nachmittag redete Dalisay mit jedem einzelnen Kind in der Klasse. Obwohl sie nicht immer verstand, was sie sagten, wusste sie eines mit Sicherheit: Alle Kinder waren nach England gekommen, um hier ein neues Leben zu beginnen. Und wenn es auch manchmal beängstigend war, an einem neuen Ort zu sein und man die Sprache nicht spricht, gab es immer jemanden, der einem half. Und ganz egal wohin du in der Welt auch gehst, du wirst immer einen Freund finden. Da wurde Dalisay klar, dass sie niemals allein sein würde. England war ihre neue Heimat, und sie würde das Beste daraus machen, egal was auch passierte.

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